Weihnachtskonzert 2016

Infrarot-Entecker Herschel komponierte auch

Das Oberschwäbische Kammerorchester gastiert mit seinem Weihnachtskonzert im Ravensburger Schwörsaal

Von Babette Caesar

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Die Kombination aus Flöte und Harfe als Soloinstrumente in einem Konzert setzte Monart als Erster ein. Im Schwörsaal spielen Flötistin Maria Hartmann und Harfenistin Maria Stange. (Foto: Babette Caesar)

Ravensburg / sz Friedrich Wilhelm Herschel dürfte vor allem Menschen bekannt sein, die sich mit Astronomie beschäftigen. Doch Herschel war auch Komponist. Mozarts Doppelkonzert für Flöte und Harfe ist ebenfalls kein allzu oft aufgeführtes Werk. Eher klingt einem die Serenade für Streichorchester von Antonin Dvořák im Ohr nach. Diese drei Werke umfasste das Weihnachtskonzert des Oberschwäbischen Kammerorchesters am Samstagabend im Schwörsaal unter der Leitung von Marcus Hartmann.

Friedrich Wilhelm Herschels c-Moll-Sinfonie Nr. 8 für Streichorchester stammt aus seinem Leben als Musiklehrer, Komponist und Organist. Das fand in der Zeit der 1760er-Jahre in verschiedenen Städten Englands statt, bevor er sich Anfang der 1770er-Jahre der Erforschung des Fixsternhimmels zuwandte. Herschel gilt als Entdecker des Planeten Uranus und der Infrarotstrahlung; nach diesen Entdeckungen hängte er die Musik an den Nagel. Bis heute kündet das Herschel Space Observatory in Gestalt eines tonnenschweren Infrarot-Weltraumteleskops, eben dem „Herschel“, von seiner Bedeutung.

Wie es sich mit seiner Musik verhielt, beleuchteten die Streicher des Oberschwäbischen Kammerorchesters In sanftes harmonisches Auf- und Abschwellen flicht sich Tönendes ein, das sich kadenzartig steigert. Dem Andante in seiner geruhsamen Ausformulierung folgt ein Presto, in dem der Kontrast zwischen vibrierenden Violinen und dem Durchdringen von Celli und Kontrabass hervorsticht. Ganz anders ist Mozarts Konzert für Flöte, Harfe und Orchester C-Dur KV 299 punktiert, das 1778 in Paris entstand. Zu einer Zeit, als sich das gefeierte Wunderkind erfolglos auf der Suche nach einer Stelle als Kapellmeister befand, seine Stimmung also eher düster war. Dies kommt in seinem zu weiten Teilen heiteren Doppelkonzert jedoch maximal unterschwellig zum Ausdruck.

Diese stilistische Mehrdeutigkeit haben die beiden Solistinnen – Flötistin Maria Hartmann und Harfenistin Maria Stange – zum Klingen gebracht. Unter Hinzunahme eines kleinen Bläsersatzes im Orchester gelangen sehr schöne flüssige, teils ineinander geschobene Wechsel zwischen Flöte, Harfe und Ensemble. So bewegten sich alle drei auf Augenhöhe in ihrem ebenso kraftvollen wie leichtfüßigen Spiel. Die fein gesponnene Verklammerung beider Solistinnen besticht, die im langsamen Satz das Gefühl eines Getragenseins annimmt. Die pausenartigen Verzögerungen im Flötenspiel fallen dabei auf und bestärken die melancholische und nachdenkliche Gestimmtheit. Diese löst sich im Rondo zugunsten temporeicher Wechsel auf. Die Kombination aus Flöte und Harfe als Soloinstrumente gab es bis dahin nicht. Das zeichnet Mozart einmal mehr als Vorreiter aus.

Gut 100 Jahre später, 1875, entsteht Dvořáks erste Serenade in E-Dur. Die Streicher gehen sie in gemächlichem Tempo an, bei dem es zu immer neuen Hinwendungen von Bratschen zu Geigen, von Celli zu Bratschen kommt. Bis eine erste klangmalerische Tanzmelodie einsetzt, die im Tempo di valse und im Larghetto ihre Höhepunkte erreicht. Als klangselig und von verschwenderischer Fülle und zugleich in einem überschaubaren Mindestmaß, was die thematische Verarbeitung angeht, werden sie beschrieben. Das Wehmütige Dvořákscher Romantik im Kontrast zum Überfließen eines Ländlers, ausgelöst durch das Changieren zwischen Dur und Moll, ist das Verlockende und Verführerische dieses Abends.

Den mittlerweile traditionellen Schlusspunkt unter das gut besuchte Weihnachtskonzert setzte Dirigent Marcus Hartmann mit dem schlesischen Weihnachtslied „Auf dem Berge, da wehet der Wind“. Die drei Strophen, die in der Kargheit des oberschlesischen Gebirges von der ärmlichen Geburt des Jesuskindes erzählen, sangen die Zuhörer zum Spiel der Streicher. Es ist eine bedächtige Melodie, die im allgemeinen Weihnachtstrubel kaum inständiger auf die eigentliche christliche Botschaft aufmerksam machen könnte.


Schwäbische Zeitung vom 18. Dezember 2016